Christiane Eckert auf Mission in Afrika

Weihnachten 2005 in Mto wa Mbu

Wie ist Weihnachten in Afrika? War wohl die häufigste Frage von Verwandten und Bekannten im Dezember.

Wie Hochsommerurlaub im Süden – empfinde ich, nichts von warmer Stube in kaltem Winter, Kerzen und Sternen – oder doch? Sara hatte für ein „Licht für die Seele“ auf meinem Tisch gesorgt – und damit die Verwunderung von Masaaifrauen verursacht, die wissen wollten, ob das Seife ist.

Inmitten des wüstentrockenen Landes ist Mto wa Mbu dank dreier kleiner Flüßchen, die dem Grabenbruch entspringen, eine tropisch grüne Oase, der der Tourismus leidliches Auskommen beschert. Hier üben Erwachsene ein Krippenspiel ein, und ein kleines Bäumchen erinnert an das Wirken deutscher Vorgänger.

Die Girlande durch den Altarraum aus Glitzerpapier mutet eher wie Fasching an, doch der Gottesdienst in der Nacht unterscheidet sich wenig von denen in Deutschland: Die Kirche ist voll, der Chor singt, das Spiel geht an.

Mehr Kinder als Erwachsene sind anwesend, dafür spielen Erwachsene mit großem Ernst und voller Hingabe die ganze Geschichte: Die Botschaft des Engels an Maria, der, tritt er auf, völlig in ein riesiges weißes Tuch gehüllt in höchster Geschwindigkeit in die Kirche „ein- und ausfliegt“, und für mich eher wie ein Gespenst aussieht; die Geburt Johannes, des Täufers; wie Josef Maria verlassen will, weil das Kind nicht von ihm ist; Volkszählung: Köstlich, wie die Spieler voller Genuss in die Kirche hinein kommen und sich auf dem Weg zum Altarraum auf ihr Alter einigen: So und So aus ̵ da tauchen auch alle größeren Siedlungen der weiteren Umgebung auf – 370 Jahre alt oder 810 Jahre oder auch „nur“ 230 verstehe ich; Herbergssuche; die Weisen bei Herodes; Geburt, Hirten, Besuch im Stall, Anweisung zum Kindermord und schließlich dieser, während die heilige Familie längst im Seitenausgang verschwunden ist, um nach Ägypten zu fliehen.

Voller Hingabe spielen sie, mit Leib und Seele. Die Garde des Königs präsentiert sich militärisch korrekt, ihrer Wichtigkeit voll bewusst, und zielt mit Lautsprecherständern gleich Maschinengewehren auf die Besucher, um sich Respekt zu verschaffen. Und natürlich wird im Gleichschritt marschiert.

Am eindrücklichsten für mich sind aber die Hirten. Maasai sind Hirten, sie spielen es nicht! Sie bringen ihre Herde im Herzen mit, auch wenn ein gestandener Familienvater stellvertretend für die Schafe auf allen vieren mit einmarschiert. Da blökt es nicht etwa wild durcheinander- nein: Einzelne Schafe sind deutlich unterscheidbar zu hören. Ich beginne zu ahnen, warum sich Maasai gern dem Glauben an den Guten Hirten öffnen.

Abgesehen von diesem Abend ist das Leben in dieser Zeit ungewöhnlich hart für die Menschen, die in den Gemeinden außerhalb leben. Kein Regen, kein Gras. Die Männer und jungen Burschen sind mit den Herden unterwegs im Kampf ums Überleben, um Weide und Wasser für das Vieh. Frauen und Kinder sind allein zuhause- und hungern ohne die Tiere, die sie gewöhnlich mit ihrer Milch und ihrem Blut ernähren. Sie laufen viele km weit, um Wasser zum Trinken heranzuschaffen, und glücklich ist, wer genug Geld hat um Mehl, Reis, Öl und Zucker zu kaufen.

as ich anfangs für Rauch halte, entpuppt sich als Staub. Dunkle Staubsäulen ragen in den Himmel und wandern mehr oder weniger schnell durchs Land, Mensch und Tier schier erstickend. Treffen sie auf die Straße, ist es, als hüpften sie über sie hinweg. Für einen Moment löst sich die Säule vom Boden und entschwindet gleichsam himmelwärts, um am anderen Straßenrand wieder vom Grund empor zu wachsen. Schlimmer ist, wenn statt dieser Windwirbel ein kräftiger Sturm riesige Staubfelder vor sich her treibt und hellen Tag in stickige Dämmerung verwandelt.

Der Dezember ist der Monat für Erwachsenentaufen, Konfirmationen und Abendmahlsfeiern: Vom 1.Advent an bis über Neujahr. Bei 15 Kirchen reichen die Sonntage nicht, und so bin ich in der Regel Sonnabend bis Montag unterwegs, um die großen Feste mitzufeiern.

Bevor es los geht, warten wir oft ein bis zwei Stunden, bis der größte Teil der Gemeindeglieder – Frauen und Kinder – eintrifft. Es ist nie langweilig, denn der Chor singt und tanzt. Wir bekommen einen Tee. Die Gottesdienste ziehen sich zwischen drei und fünf Stunden hin, und sind mir doch nie zu lang.

Danach werden Pfarrer und Evangelisten bewirtet, ehe sie wieder nach hause fahren, und ich bin dankbar dafür, ist diese Mahlzeit am Nachmittag doch die erste nach dem Frühstück morgens um 7.00 Uhr. Und die Gemeinde? Schaut zu. Auch sie müssen hungrig und durstig sein.

Mir fallen meine Wasserfilter ein: Sauberes Trinkwasser mitzubringen kostet mich keinen Cent. Und so probiere ich es mit ersten 40 l und kann es nicht fassen, wie schnell sie nach dem Gottesdienst in durstigen Kehlen verschwinden.

Wasser als Weihnachtsgeschenk: Das ist es! Und nun geht die Suche nach Transportbehältern los. Mein Vorgänger hat seine 200 l Tonne im Container gelassen. Ich bin froh und weiß: Das ist längst nicht genug. Aber die Evangelisten ermutigen mich: Besser als gar nichts.

Es freuen sich in Deutschland nur wenige Menschen über den Gabenberg zu Weihnachten so, wie die Frauen über jeden Liter Trinkwasser. Danke, Deutsche! Danke – auch die, für die es nicht reichte, bedanken sich!

Meine Suche nach weiteren Transportbehältern beginnt, gehemmt von meinem Geldmangel. Meine Visacard versagt seit Ende November ihren Dienst. Dabei habe ich Wächter, Köchin und Gärtner das Gehalt zu zahlen, die im Stillen natürlich auch auf ein Weihnachtsextra hoffen. Wie kann ich von Gemeindegliedern eine Kollekte erwarten, wenn ich selbst nichts gebe?

Endeshi, die Köchin, schaut ungläubig, als ich ihr untersage, Obst und Gemüse zu kaufen. Ich bin froh, dass ich Mehl, Gries, Reis und Zucker in 25 kg Säcken preiswert erworben habe: Genug, um nicht ernsthaft hungern zu müssen. Genug, um anderen abzugeben.

Da ist die Frau, die im Diakoniezentrum auftaucht: Mit völlig zernarbten Rücken, Spuren der Gertenschläge ihres Mannes. Sie ist mehr als 100 km von Gesundheitszentrum zu Gesundheitszentrum gelaufen, schwerkrank, vom Mann und ihrer Familie offensichtlich davon gejagt. Ich lasse es 2 Tage darauf ankommen: Aber niemand gibt ihr zu Essen. Also gebe ich ihr von meinen Vorräten ab. Nach 7 Wochen stirbt sie – nicht am Hunger, an ihrer Krankheit.

Ich taufe ein fieberndes Kind: Zum Tod? Damit kann ich mich nicht abfinden und bringe Mutter und Kind zum Arzt. Verschleppte Malaria – es ist wirklich fast zu spät, doch die Infusionen wirken. Es kann nach einer Woche leidlich gesund wieder nachhause. Wer zahlt? Der, der die Kranken bringt.

Nur geben will ich nicht anfangen, und so fordere ich als Gegenleistung das, was mir in der Boma übrig zu sein scheint: Hunde als zukünftige Wächter meines Grundstücks. Ndugu und Rafiki, Freund und bester Freund, ziehen so zu mir um: Voller Flöhe und verwurmt, mit struppigem schmutzigen Haar und klapperdürr. Flohpulver ist billig zu haben. Wurmtabletten finde ich im Container, und fressen müssen sie, was ich habe: Ugali, Maisgries, was ihnen blendend bekommt.

Mehr Frauen ohne Mann tauchen auf und bitten um Unterstützung für ihre Kinder. Majengo hat Wasser und vier Hektar Kirchenland. Warum sollen diese Frauen dort nicht die Möglichkeit bekommen, sich den Unterhalt für ihre Kinder selbst zu verdienen? Das ist besser, als Almosen zu geben. Die Kirchältesten stimmen ohne Bedenken zu. Ich bin gespannt, ob sich das Projekt realisieren lässt und bewährt.

Jeden, der mich um Geld fragt, werde ich nun um Ziegen bitten, nehme ich mir vor. Ich muss nicht lange warten: Im Januar ist Schulgeld fällig. Für Alleinerziehende und Waisen ist schon der Kauf der Uniformen ein Problem, die Sekundarschule unerschwinglich. Doch ich greife vor.

Dass ich wirklich kein Geld habe, macht es mir leicht, nein zu sagen. Statt Weihnachtsfestessen Maisgriesdiät. Julia, die Volontärin aus dem Kindergarten der Sprachschule Morogoro, hat sich mit ihrer Familie angekündigt. Mit den letzten Litern Diesel erreiche ich Arusha, um sie abzuholen in der Hoffnung, diesmal Geld zu bekommen. Wieder nichts, obwohl ich zu allen 4 Banken laufe.

In dieser Nacht – Sara beherbergt uns sechs – kann ich nicht schlafen. Ohne zu tanken, komme ich nicht mal nach Mto wa Mbu zurück. Meine Gäste schenken mir, was sie übrig haben, aber das ist nicht genug, um nur den Tank zu füllen.

Am nächsten Morgen wieder der Weg zu den Banken. Ich warte, bis die Automaten mit Geld gefüllt werden. Doch auch dann erhalte ich statt Geld ein Papierchen, das mir mitteilt, das ich nichts bekomme. Übermüdet und mutlos weiß ich nicht weiter, und bekomme von meinen Gästen mein Weihnachtswunder beschert. Sie haben Geld für einen Studenten gesammelt, das er erst im Januar, Februar und März bekommen soll. Nun bekomme ich es geborgt mit dem Auftrag, es zum entsprechenden Zeitpunkt zu überweisen. Hoffentlich ist das möglich!

Seit Wochen versuche ich, ein Konto zu eröffnen. Dazu muss ich nicht nur Geld haben, Formulare ausfüllen und Bilder abgeben, Arbeitserlaubnis und Pass vorlegen, sondern ich brauche auch einen Brief vom Arbeitgeber. Sara hat ihn für mich bekommen, ehe alle Büros zum Jahreswechsel für 2 Wochen geschlossen werden. Nun hoffe ich, dass die Überweisung aus Deutschland nicht länger als einen Monat braucht.

Wir können einkaufen: Säcke Mehl, Gries, Zucker, aber auch Kaffee, Tee und Milchpulver, Brot und Käse ૻ hier echte Luxusgüter –, Obst, Gemüse und sogar Kartoffeln: Teuer wie Ananas in Europa. Und immer noch bleibt genug für meine Angestellten, Kollekten und Krankenkosten. Dass es nicht zum Kauf von Besteck und Herd reicht, tut meiner Freude keinen Abbruch: Wir kochen mit einem Petroleumstövchen und draußen mit Holzkohle, wie die meisten Tansanier, und ein paar Löffel, Messer und Gabeln habe ich aus dem Gästehaus geborgt.

Schlimmer ist, dass ich keine Wassertonnen bekomme – es ist einfach zu spät geworden. Die sechs 20l-Eimer sind nur ein schwaches Trostpflaster. Immerhin kann ich nun 300l fahren- auch wenn ich von 1000l träume.

Das neue Jahr beginnt segensreich. Meine Köchin hat Urlaub, um ein paar Tage mit ihren Kindern verbringen zu können. Obst und Gemüse ist aufgebraucht. Zum Kochen ist mir die Zeit zu schade. So gibt es dreimal täglich Weißbrot, wer will, mit Margarine.

Das Gebet zum Jahreswechsel beginnt 20.00 Uhr: Mit Gottesdienst, viel Musik, die zum Mittanzen animiert, und immer wieder Sketche, diesmal zu Ereignissen des vergangenen Jahres. Der Ideenreichtum ist erstaunlich, der Lacherfolg gesichert. Viel zu schnell ist Mitternacht, und nach Stille, Gebet und Segen gehen alle nachhause.

Fünf weiße Gesichter fallen mir auf: Italiener, die in der Nachbarschaft zelten, erzählen sie mir. Ich lade sie für den Neujahrsabend ein, wenn sie Essen mitbringen. So komme ich in den Genuss echter italienischer Pasta mit einer wunderbaren Tomatensoße, dazu Salat. Mein Wächter lobt das feine „Hühnchen“: Offensichtlich hat er noch nie Thunfisch gegessen!

Sogar Sekt zum Anstoßen gibt es, und aus welchen Gründen auch immer, geben sie mir zum Abschied ein paar Schillinge – genau genug, um nach dem Gottesdienst das als Dankesgabe gebrachte Bullenkälbchen zu ersteigern.

Ich bin froh: Einem Evangelisten sind fünf tragende Ziegen gestohlen worden. Nun habe ich für den Preis von weniger als zweien einen Wert bekommen, der in einem Jahr etwa dem Verlust entspricht. Der Evangelist ist glücklich: Wenn es regnet und genügend Gras auch bei ihm gibt, wird das Kalb zu ihm umziehen, das ich Italiano genannt habe.

Von Leipzig ist auf meinen Hilferuf hin Geld geschickt worden, das ich in der ersten Woche im neuen Jahr abhole. Auch die Geldkarte arbeitet wunderbarerweise nun problemlos. Ich kaufe Wassertonnen und Herd und hoffe, das Geborgte noch im Januar zurückgeben zu können.

Nun fahre ich 1000l Wasser, immer noch nicht genug für alle, aber mehr werde ich meinem Auto nicht zumuten, das viele Jahre hier Dienste tun soll. Wir beten um Regen. Und ich bin gespannt, was mir das neue Jahr bringen wird.

ImpressumWebmaster – 2007-01-05