Es war ein Julisonntag, als ich nach dem Gottesdienst die Eröffnungsfeier eines Gästehauses besuchte und mit dem Divani, dem Staatsbeamten für Religionsfragen, zum 1. Mal ins Gespräch kam. Wir unterhielten uns angeregt über alle möglichen Dinge, allerdings nicht über Straßenbau. Deshalb überraschte mich die Frage des Kirchrechners am nächsten Tag, was ich zur Information dieses Mannes sage, dass unsere Seitenstraße gebaut werden soll. Richtiger: Nicht nur gebaut sondern auch verlegt mitten durch das Land der Kirchgemeinde.
Die derzeitige Straße samt dem abgetrennten Teil des Kirchenlandes soll dem Fußballfeld zugeordnet werden, um dieses der Normgröße anzunähern. Nicht, dass es zu klein geplant war. Bei der Landaufteilung und wurde eine genügend große Parzelle ausgemessen. Aber Parteiführer und Bürgermeister verkauften ein Drittel der Fläche an Privatleute. Und um dieses Land ist das Spielfeld nun zu klein.
Ich schüttle den Kopf: Das war üblich in einer Diktatur. Tansania geht den Weg der Demokratie. Was heißt das aber in einem Land, in dem nach der letzten Wahl immer noch faktisch nur eine Partei, die sozialistische, unumschränkt herrscht?
Vorsichtshalber informiere ich meinen Dienstvorgesetzten beim nächsten Treffen am Mittwoch danach. Der beschwichtigt meine Bedenken mit dem Hinweis, dass zugemessene Parzellengrenzen nicht willkürlich verschoben werden können.
Doch als ich nach Einbruch der Dunkelheit nach hause komme, glänzen mir entlang der Straße die roten Kreuze entgegen, die festlegen, welche Häuser, Gebäudeteile, Mauern und Zäune abzureißen sind, welche Strommasten umzusetzen und Bäume zu fällen. Zehn Meter und mehr ins Kirchengrundstück hinein sind die Messstöcke gesetzt und Kreuze gemalt.
Nicht nur an Bäume und Begrenzungsmauer, auch an das Getreidesilo und den Kindergarten, den wir erst vier Monate zuvor fertig gebaut und eröffnet haben. Das halbe Haus ist abzureißen: Ein Klassenraum, Küche, Vorratsraum und ein Ende vom Flur. Ich informiere die Diözese telefonisch und werde angewiesen, den Divani um Hilfe zu bitten. Das Gespräch mit ihm am Donnerstag vormittag ist kurz. Den Kindergarten abzureissen, lässt sich umgehen, wenn die Kurve aus dem Kirchgrundstück heraus enger ausgeführt wird. Wir sollen die Kreuze schnell zu putzen. Am Straßenverlauf aber könne er nichts ändern.
Inzwischen haben – keine 24 Stunden nach dem Anbringen der Kreuze! – die Abreißarbeiten begonnen. Erdhäuser in der Nachbarschaft werden zusammengeschoben, ehe noch die Besitzer Zeit gefunden haben, ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. Baumriesen fallen in Sekunden schnelle. Es sieht aus wie nach einem Erdbeben. Die Menschen stehen schweigend. Nur die Maschinen sind zu hören. Ich fotografiere.
Als der Kirchenleitung gelingt, ein Stopp der Bauarbeiten zu erzwingen, sind alle Bäume und ein Teil der Hecke entlang der Grundstücksgrenze gerodet und die ersten Bäume im Inneren des Grundstückes. Mit Auto läßt sich unser Weg nicht mehr passieren.
Die zähen Verhandlungen ergeben: Legal kann ein Streifen von 2,5 m für Straßenausbau von der Kommune in Anspruch genommen werden. Die Diözese erklärt sich bereit, 4 m abzutreten – aber nicht mehr. Eine Art Krieg beginnt. Die Partei setzt Pfosten in die Straße und riegelt sie mit großen Steinen komplett ab. Der Autoverkehr rumpelt nun über die Spielwiese unserer Kindergartenkinder. Um diese zu schützen, setzten auch wir Pfosten mit Stacheldraht entlang der im Beisein von Divani und Straßenbauingenieur ausgemessenen neuen Grundstücksgrenze.
Ich weigere mich zu glauben, das diese Auseinandersetzung eine religiöse Komponente hat, auch wenn Divani und Parteiführung Moslems sind.
Es ist November. Bis zum Fußballfeld und ab Fußballfeld ist die Straße inzwischen fertig gebaut.
Wir pflanzen Bäume, sammeln Samen für eine neue Hecke und Geld für einen Zaun zum Schutz des Spielplatzes.
Gern würde ich die mir einzig sinnvoll scheinende Lösung unterstützen: Mit dem Verkaufserlös der Vergangenheit ein neues Spielfeld kaufen. Eineinhalb Sportplätze sind besser als ein Dreiviertel. Aber das scheint ausser mir keiner zu wollen.