Hier in Tansania wird jung gestorben. Nach der 1. Nacht in Mto wa Mbu werde ich zur Beerdigung der Frau eines Kirchältesten eingeladen. Sie ist nur 34 Jahre alt geworden, hat drei Kinder geboren, von denen die zwei ältesten im Grundschulalter sind. Ihr Vater nennt als Todesursache Bauchfieber. Vieles ähnelt dem, was ich als Kind an Abschiedsbräuchen in meinem Heimatdorf erlebte. Das wenige Fremde wird mir schnell vertraut.
Wie vor der Zeit der Leichenhallen auf den Friedhöfen wird der Tote zuhause aufgebahrt. Eine Vielzahl von Menschen versammelt sich: Familienangehörige, Nachbarn, Freunde, Kirchgemeinde. Die Zeit wird mit Singen verkürzt. Laute Klage, unüberhörbares Heulen ist Vorrecht vielleicht auch Ehrenpflicht der Frauen. Andere reden miteinander oder warten schweigend, bis der Sarg fertig gebaut und gestrichen ist, der vor Eintritt des Todes nicht bestellt oder gekauft werden darf; oder das Auto mit dem Leichnam endlich ankommt.
Es gilt als Unheil, wird der Tote nicht nachhause gebracht, um in der Nähe seiner Familie bestattet zu werden: Am Haus oder am Rand des Ackers. Auf einem Friedhof begraben zu werden heißt, keinen zu haben, der einen heim holt.
Ist der Tote aufgebahrt und das Grab geschaufelt, beginnt die Feier mit dem Abschiedsgottesdienst, in meiner Gemeinde unverkennbar lutherischer Herkunft. Auch die schwarze Stola und die schwarzen Talare der Evangelisten heben sich auffällig von der bunt oder weiß gekleideten Trauergemeinde ab.
Bevor der Sarg verschlossen und zum Grab gebracht wird, ziehen alle noch einmal am Verstorbenen vorbei. Frauen haben hierbei Vortritt. Während dieser Zeit steht ein Helfer mit Parfüm bereit, versprüht Wohlgeruch über dem Gesicht und verscheucht Fliegen.
Dann der kurze Weg zum Grab, in das vier Jugendliche springen, um den Sarg in Empfang zu nehmen und zu plazieren. Bestattungsformel, Einladung zum Erdwurf für die engsten Familienangehörigen, dann schaufeln junge Männer im Akkord das Grab zu. Schaufeln und Hacken werden in fliegendem Wechsel von einem zum anderen gegeben. In der Trockenzeit eine recht staubige Angelegenheit, bei Regen eine schlammige. Nach wenigen Minuten kann der Hügel mit einem Hackenstiel eben gezogen werden und bekommt ein Kreuz eingedrückt.
Das Holzkreuz mit Namen und Datum ist am Ende aufgestellt, fertig ist das Grab in der Steppe. Ackerbauende Stämme schmücken es oft mit Blumen, bunten Zweigen oder auch Girlanden. Danach verliest ein Familienoberhaupt den Lebenslauf, dankt für Spenden, fürs Kommen, lädt manchmal noch zum Leichenschmaus ein..., ehe alle wieder auseinander gehen.
Ein Monat später wird telefonisch bekanntgegeben: Dr. Turre´s Frau, eins unserer Gemeindeglieder, ist tödlich verunglückt, als der Fahrer in einer Kurve einem Esel auszuweichen versuchte. Ihr Mann (Moslem, kein Christ) ist Regierungsbeamter in Daressalam, und entsprechend hochkarätig sind die Trauergäste: Parteiführer, Politiker, Bischof, Dekan.
Wir zwei zuständigen Pfarrer bekommen kleine Leseaufgaben in der Feier zugewiesen, die von den Ehrengästen verantwortet wird. Nicht Jugendliche sondern Genossen springen ins Grab, das reichlich zwei Meter tief ist. Nachdem der Sarg plaziert ist, plagt sich ein korpulenter Helfer vergeblich ab, aus der Grube zu kommen. „Jetzt kannste unten bleiben, bis Du dünner bist“ kommentiert der Dekan, und die Umstehenden grinsen. Endlich gelingt es, ihn herauszuziehen, und schon fliegen die Schaufeln...
In Mswakini sind oft wenig Leute im Gottesdienst, aber so wenig waren es noch nie: Kein Dutzend. Die Christen haben sich in der Boma versammelt, wo die 108-jährige Ahne gestorben ist, erfahre ich. Sie wurde mit ihrer Tochter vor einigen Jahren getauft, bezeugt ein Enkel, der Mitarbeiter unserer Kirche in Arusha ist. Ihr Sohn, der Hausherr, ist traditioneller Maasai. Einige seiner Frauen gehören der Pfingstkirche an, zwei sind lutherisch.
Es ist Mittag, als wir eintreffen, und ich hoffe, dass wir pünktlich um 14.00 Uhr nach der Trauerfeier den zweiten Gottesdienst in Naitolia, dem Nachbarort, halten können. Aber irgend etwas stimmt nicht. Es wird diskutiert. Der Hausherr verläßt die Gesprächsrunde. Der Evangelist fordert mich zum Gehen auf. Warum hat er mich dann her gebracht? Ich will wissen, worum es geht.
Endlich wird von Kimaasai zu Kiswahili gewechselt und Enkel und Evangelist benennen den Streitpunkt: Es geht um Kuhmist im Grab. Das sei der letzte Wille der Verstorbenen, behauptet der Enkel. Sie wollte in der Boma, dem Mittelpunkt des Wohnplatzes der Familie, bestattet werden; dem mit Dornenzweigen eingezäunten Platz, in dem die Rinder übernachten, um den die runden Erdhäuser gebaut werden. Alle sind sich einig, dass das nicht geht.
Ein Platz unter einem Baum in der Nähe ihres Hauses ist ausgesucht worden, doch der Sohn besteht darauf, eine Hand voll Mist ins Grab zu werfen, um den Wunsch der Verstorbenen zu erfüllen. Das sei heidnischer Brauch, mit einer christlichen Trauerfeier nicht vereinbar, behauptet der Evangelist. Wir hätten zu gehen. Der Enkel protestiert: Das stimme nicht! Er hätte die Großmutter gefragt, warum sie das wolle, und sie hätte ihm geantwortet, weil sie zur Herde Gottes gehöre.
Das Problem ist für mich nicht sie sondern der Vater, der von den alten Traditionen nicht lassen will. Sollen seinetwegen, dem Heiden in der großen Familie, die Christen keine Trauerfeier haben dürfen? Das widerstrebt mir – genauso wie es mir widerstrebt, ohne Evangelisten und Kirchältesten die Feier durchzuführen.
Endlich können wir uns auf einen Kompromiß einigen. Ich bitte, für die Tote beten und sie segnen zu dürfen. Das wird mir gestattet. Danach wird ein Lied angestimmt. Ich lasse den Evangelisten Offbarung 21,5-8 lesen um deutlich zu machen: Gott kann retten. Gott wird richten. Meine Aufgabe ist, sein Wort zu predigen und nicht Menschen zu verdammen. Jeder wird sich selbst vor ihm verantworten müssen. Der Leichnam wird zum Grab gebracht und begraben, ohne dass ich den Platz segne. Auch den Talar habe ich nicht angezogen.
Halb fünf wird Essen aufgetischt, und als wir endlich gehen, ist es Abend geworden, und ich kann nur noch zwei Kirchälteste in Naitolia besuchen und um Verständnis bitten, dass ich ihren Gottesdienst versäumte. Glaube und Aberglaube: Was ist wirklich Götzendienst, was harmloses Brauchtum?