März. Es gießt wie aus Kannen. Hier in Äquatornähe scheint alles extremer zu sein als in Deutschland: Bäume und Tiere größer bzw. kleiner, die Trockenheit trockener, der Staub unbeschreiblich, und Regen in der Regel ein Wolkenbruch. Die Straße verwandelt sich in einen trägen Fluss, der sich durch Seen schlängelt, in dem auf vielen Inseln Häuser stehen. Menschen waten durch das Wasser. Die Zeit von Staub und Trockenheit ist zu Ende. Die Zeit des Schlamms beginnt.
In Kigongoni zerstören entwurzelte Bäume im Umfallen halbfertige Bauten. In Losirwa sind es über 30 Erdhäuser, die in einem Gewittersturm mit Nässe voll gesogen dem Wind nicht stand halten und zusammenstürzen. Die Menschen nehmen es gelassen: Es ist nirgends jemand zu Schaden gekommen.
Die großen zum Teil künstlich angelegten Erdgruben füllen sich mit Wasser, und statt der Karawane Wasserbehälter transportierender Frauen und Esel sieht der Autofahrer nun sich badende und Wäsche waschende Menschen neben Trinkwasser schöpfenden und Vieh tränkenden zusammen an einem Loch, wenn auch an verschiedenen Seiten. Kein Wunder, dass nach zwei Monaten die Zeit der Bauchschmerzen beginnt, wenn das Wasser, das eher Milchkaffee ähnelt, neben sich absetzendem Schlamm eine Unzahl von Keimen und Schmarotzern angereichert hat.
Bis Ostern habe ich versprochen, die Posaunenübungsstunden in Monduli zu halten, und wirklich kommt der Tag, an dem ich weder Wasser, Gras noch Mitfahrer im Auto habe: Die Gelegenheit, der Familie des bayrischen Mitarbeiters am Stadtrand Arushas einen Besuch abzustatten!
Ich melde mich telefonisch an. Die Stimme am anderen Ende druckst herum: Willkommen – aber bei uns gewittert es grad... Verwirrt fahre ich los: Ist mein Besuch nun erwünscht oder nicht?
Der Sonnenuntergang verleitet mich zum Fotografieren. Zwischen pechschwarzem Himmel und verschattetem Land glänzt die Hügelkette am Horizont in einem Streifen puren Goldes. Schnell wird es dunkel, und ich beeile mich nun, Arusha zu erreichen.
Nach 14 km, der Hälfte der Strecke, fahre ich in eine Sturzflut. Die Straße ist nur zu ahnen. Ich schleiche im Schritttempo durch das Wasser. Kein Meter mehr als unbedingt nötig! Ein Besuch, wo auch immer, verbietet sich von selbst.
In Arusha lässt die Sintflut nach, aber auch hier ist die Teerstraße ein Fluss. Die Gräben an den Seiten haben sich in reißende Gebirgsbäche verwandelt. Am Shoprite, dem Edelmarkt mit europäischen und amerikanischen Waren, heißt es Land unter. Die Menschen waten zwischen den Autos heimwärts, da die Fußgängerwege unbegehbar geworden sind. Stop and go, stop and go – bis ein über meine Straße gestürzter Riesenbaum mich zwingt, in eine Seitengasse einzubiegen.
Dankbar und auch etwas stolz schicke ich eine halbe Stunde später mein Gebet gen Himmel: Ohne mich zu verirren habe ich durch Wasserchaos und Finsternis zur Kirche im Stadtzentrum gefunden. Am nächsten Morgen höre ich dann, dass in dieser Nacht in Arusha vier Menschen durch das Wasser umgekommen sind.
Ostern. Sara und Julia sind mit zwei andere Volontären bei mir zu Gast. Sie wollen ein bisschen europäisch feiern. So werde auch ich nicht zu kurz kommen trotz der 11 Abendmahlsgottesdienste in der Karwoche und an den Osterfeiertagen. Karsamstag fahre ich in meine Missionsbezirke Esilalei und Entebesi.
Dort leben ausschließlich Vieh haltende Maasai in enger Nachbarschaft mit Wild. Der Wassermangel verbietet eine dichte Besiedlung. So ist jeder Besuch, jeder Gottesdienst dort ein Ausflug in die ursprüngliche Welt des halbnomadisch lebenden Volkes.
Sara, die im Februar mit mir dort übernachtet hat, bleibt der noch nicht auskurierten Malaria wegen zuhause. Die anderen drei kommen mit. Evangelist Thomas lotst mich. Vorsichtig fahre ich durch die Pfützen, an einer Stelle auch weiträumig um sie herum, tiefe Furchen in die Grasnarbe drückend, Zebras und Antilopen aufscheuchend. Wir beobachten einen Falken, der eine Schlange frisst. Die Fotos später beweisen: Keine Schlange – eine Eidechse.
Wir erreichen pünktlich Entebesi, beginnen aber erst 2 Stunden später mit dem Gottesdienst, nachdem die Menschen zusammengekommen sind. Soll der nächste pünktlich anfangen, muss ich die 14 km in einer halben Stunde bewältigt haben. Wie immer bitten Leute darum, mitgenommen zu werden. Als wir an besagtem Loch ankommen, versichern sie: Der Weg ist befahrbar. Keine zehn Meter stehen unter Wasser.
Verborgene Steine und Löcher fürchtend fahre ich im dritten Gang in den Schlamm- und bleibe trotz Allradantrieb prompt nur einen Meter vom trockenerem Wegstück entfernt stecken. Wir versuchen alles: Schieben, Äste und Steine unterlegen... Die Räder wühlen sich nur tiefer ein. Meine Maasai rufen per Handy ein anderes Fahrzeug herbei. Die Stricke sind zu schwach und reißen wie Bindfaden. Der andere Fahrer fordert nun kategorisch meine Autoschlüssel.
Es ist das erste und bisher auch letzte Mal, dass ich sie aus der Hand gebe. Wir Frauen haben uns nun zu entfernen und umzudrehen, damit die Herren mit vereinten Kräften mein Fahrzeug zurück schieben können, riskierend auszuglitschen. Es gelingt. Schlamm bespritzt schauen die Helfer nun zu, wie mein Jeep mit Vollgas an einer anderen Stelle in die Pfütze düst und diesmal wirklich durch kommt. Ich lerne: Geschwindigkeit ist Trumpf.
Für meine Mitfahrer ist es Jux, dass ich nun durchs Wasser pflüge, meterhohe Wellen zu beiden Seiten aufwerfend. Die Hirten am Wegrand sehen das anders und springen zur Seite, wenn sie uns hören und sehen.
Viel zu spät kommen wir in der 2. Kirche an. Der Gottesdienst fällt aus. Wir halten nur eine Andacht und legen einen neuen Termin fest. Sara ruft immer wieder besorgt an, wann wir kommen. Es ist stockfinster, 20.00 Uhr, als wir völlig fertig und schmutzig zuhause aussteigen.
Am nächsten Tag fahre ich allein. Die Volontäre basteln, backen, kochen, schlachten und braten. Ihre Festtafel kann sich sehen lassen. Wir schwelgen, und meine Angestellten werden mit Ostereiern überrascht. Meine "Ostereier" leben: Die Hennen haben einen Hahn bekommen, und neben den Hühnern sitzen zwei Kaninchen im Stall.
Wenig später wird es wieder brenzlig. Wir überprüfen die Lebensverhältnisse der Frauen, die in das Witwen- und Waisenprojekt aufgenommen werden wollen, und so bringe ich die Mutter mit der vierjährigen TBK-kranken Tochter von unserem Krankenhaus nachhause.
Auch in Selela stehen Wege und Wiesen unter Wasser. Thomas läuft vor meinem Auto her, um mir einen sicheren Weg zu weisen. Ich danke Gott, als wir heil in der Boma angekommen sind und fürchte den Rückweg. Ein Ortsansässiger meint, dass er uns einen anderen kürzeren Weg zurück zur Straße zeigen kann, und dankbar nehmen wir ihn ins Auto. Er lotst mich durch wegloses Land und Manns hohes Gras, das Steine und Löcher verdeckt.
Erleichtert atme ich auf, als die Straße erreicht ist, nicht ahnend, dass mir die schlimmste Wegstrecke noch bevor steht. Nach nur wenigen hundert Metern halte ich vor dem völlig unter Wasser stehendem Straßenabschnitt, an dessen fernerem Ende ein LKW stecken geblieben ist. Ein Jeep überholt mich und fährt mit Schwung in die Brühe, laut krachend immer wieder aufsetzend um sich dann im gewagten Manöver die Böschung heraufzukämpfen, um am LKW vorbei zu kommen. Dann steht auch er.
Menschen kommen in langer Schlange mit ihrem Gepäck auf mich zu gewatet: Der Bus nach Engaruka schickt seine Passagiere zu Fuß vor. Ich suche nach einer Alternative. Rechts zweigt ein Feldweg ab. Auch hier Schlamm und Pfützen. Heimkehrende Bauern bestätigen mir: Er führt zur Straße zurück. Thomas überzeugt sich: Dieser Weg ist vielleicht die bessere Alternative. Vielleicht. Wir werden es sehen und biegen ab.
Vorsorglich habe ich Allradantrieb eingelegt. Ich fahre oder sollte ich besser sagen rutsche? den Weg entlang. Rechts kommandiert Thomas. Ich lenke nach rechts und rutsche nach links. Rechts! Rechts! Ich kämpfe mit dem Lenkrad. Nur nicht vom Gas gehen! Nur nicht anhalten. Wir kommen durch, ohne stecken zu bleiben. Gott sei Dank war das nach Entebesi, kommentiert Thomas.
Der Bischof kommt nicht so glimpflich davon. Wie ein Lauffeuer spricht es sich herum: Er ist in völlig unbewohnter Gegend 3 Tage stecken geblieben und musste sogar auf einen Baum klettern, um in der Diözese anrufen zu können.
Das erste Auto, das ihm zur Hilfe geschickt wurde, konnte ihn zwar frei schleppen, blieb dann aber selbst stecken, die Straße für das nachfolgende Fahrzeug blockierend. Die nächsten Autos richteten nicht viel mehr aus. Dass der Regen aufgehört hatte und die Straße langsam abtrocknete half letztendlich allen, die unwirtliche Gegend verlassen zu können.
Unmerklich regnet es weniger und weniger. Zuerst im Umland. Später dann auch in Mto wa Mbu. Die Ernte beginnt. Es wird kalt. Vor einem Jahr bin ich in Tanzania angekommen.