Christiane Eckert auf Mission in Afrika

Geschichte ohne Ende

Losirwa. Der Vater von Sayare Dusindawa ist seit 2 Jahren tot, und die Mutter kämpft hart, um für ihre 4 Kinder das Lebensnotwendige heran zu schaffen. Nun zeigt sie mir ihren fiebernden Sohn und erklärt: Er ist vom Baum gefallen. Ein Zweig hat sich offensichtlich durch seine Seite gebohrt, etwa 5cm lang. Oder ist das zu Tastende ein Stück Rippe? Eiter fließt aus den zwei Hautlöchern.

Wie kann die Mutter nur so lange warten? Urio, der Evangelist, bringt den Jungen nach Kigongoni ins Krankenhaus, da die junge Witwe sich um drei weitere Kinder kümmern muss. Er berichtet mir, dass das Kind ein Fiebermittel verordnet bekommen hat und nach Arusha überwiesen wurde.

Das wird teuer, weiß ich, ist aber offensichtlich notwendig. Ich zahle die 220 km lange Fahrt für zwei, das Krankenhaus und Essen. Als sie zurück kommen, kann ich es nicht glauben: Der Arzt hat eine Röntgenaufnahme des Brustkorbes veranlasst, die zeigt, dass dieser völlig gesund und unversehrt ist. Etwas anderes als Knochen steckt also in der Haut! TBK sei nicht auszuschließen, ist die Hiobsbotschaft.

Ich bringe das Bild ins Diakoniezentrum und atme erleichtert auf: Kein Anhaltspunkt für TBK, teilt mir der Arzt mit. Ich frage, ob dort der Eingriff erfolgen kann. Bring das Kind, ist die Antwort. Doch es wird nicht geschnitten sondern ein Antibiotika verschrieben. Sayare fühlt sich danach gesund, und ich staune: Vielleicht kann man hier mit Zweig in der Haut herumlaufen?

Man kann nicht. Nach 2 Monaten stellen sich Schmerzen und Beschwerden wieder ein, und ich dränge nun auf des Entfernen des Fremdkörpers. Ein Termin wird vereinbart. Mutter, Evangelist und Onkel begleiten das Kind, und ich glaube, nicht recht zu hören, als der Onkel den Arzt informiert, dass der Unfall drei Jahre zurück liegt!

Sayare war zu diesem Zeitpunkt fünf und sein Vater lebte noch, und stellte ihn im lokalen Krankenhaus, im Regionalkrankenhaus Monduli und im Bezirkskrankenhaus Arusha vor. Drei Jahre, und immer nur Schmerzmittel und Antibiotika. Kein Arzt, der zu schneiden wagte!

Nach dem Gespräch warten wir. Ich werde mehrfach aufgefordert, nachhause zu gehen, bis ich glaube, dass nur meine Anwesenheit verhindert, dass mit der Operation begonnen wird. Abends berichtet der Evangelist befriedigt, dass wirklich ein Stück Holz aus der Wunde geholt wurde. Das Kind bekommt erneut Antibiotika und geht täglich zum Verbinden.

Nach einem Monat sehe ich die nun zugeheilte Haut ohne Verband und weiß, warum ich gehen sollte: Der Arzt hat ebenfalls nicht geschnitten und durch die Wundlöcher nur kleine Stücke des Zweiges entfernen können. Das größere Stück ist eingewachsen und steckt immer noch im Körper. Nun ist die Haut verheilt und es läuft kein Eiter mehr. Doch Sayare klagt erneut über starke Schmerzen und kann nicht liegen. An der anderen Seite wächst eine große Beule. Eiter, der nun im Körper wandert, weil er nicht abfließen kann?

Nächste Woche habe ich 4 Tage keine Veranstaltung. Mutter und Onkel sind einverstanden, dass ich in dieser Zeit mit dem Kind nach Arusha fahre, um einen Chirurgen zu suchen, der der Qual des Kindes nach nun dreieinhalb Jahren ein Ende machen soll.


Am Sonntag fragt mich Evangelist Raymond, ob ich die Leiche einer 17-jährigen Waise aus dem Kirchenkrankenhaus in Moshi abholen kann. Ich protestiere. Nicht, weil ich Tote fürchte. Als Krankenschwester und Pastorin habe ich viele Sterbende auf ihrem letzten Weg begleitet. Das KCMC liegt aber 200 km entfernt. Für mich Kraftstoff- und Zeitverschwendung, da ich am selben Tag zurück muss, wenn ich Dienstag die Andacht im Diakoniezentrum und die Dienstbesprechung der Evangelisten leiten will.

Danach hatte ich geplant, nach Arusha zu fahren, um die obligatorischen Dienstbesuche und Besorgungen zu erledigen. Wie immer habe ich versprochen, Gemeindeglieder mitzunehmen. Diesmal Sayare und seine Mutter, zwei Evangelisten, die zur Schule nach Oldonyo Sambu müssen und die Frau des einen, deren Entbindungstermin für diese Woche berechnet wurde. Die Ärzte befürchten nach Komplikationen in der Schwangerschaft, dass mit Kaiserschnitt entbunden werden muss. Der Mann weit weg in der Schule. Die Frau 37 km vom nächsten Krankenhaus mit Operationsmöglichkeit entfernt in einem Erdhaus im Bananenfeld. Unerreichbar für Fahrzeuge in Regen und Nacht. Wir haben deshalb ausgemacht, dass sie besser mit nach Arusha fährt in die Nähe großer Krankenhäuser und nur eine Stunde Busfahrt von der Schule ihres Mannes entfernt.

Montag nach Moshi fahren ist einfach unmöglich, ist meine Antwort. Montag steht am späten Vormittag Raymond vor meiner Tür. Ich soll in einem Brief bestätigen, dass der Tote Gemeindeglied und beide Eltern wirklich tot sind. Er sitzt und diskutiert. Diese Hartnäckigkeit ist ungewöhnlich. Mein Nein wird sonst akzeptiert. Ich nehme es als Fingerzeig Gottes, meinen Plan zu ändern.

Abends habe ich meine Kranken zusammen gesammelt und fahre nach Arusha, um Dienstag früh das KCMC, das Krankenhaus in Moshi, zeitig zu erreichen. Es ist das beste Haus weit und breit. Eine junge deutsche Ärztin wird ausfindig gemacht und hilft uns. Von ihr erfahre ich, dass chirurgische Patienten nur Dienstag oder Donnerstag aufgenommen werden!

In einer Notoperation wird der Abszess geöffnet, die Seite mit dem Ast jedoch nicht angetastet: Der Eiter könne auch andere Ursachen haben. AIDS wird ausgeschlossen. Knochenhautentzündung ist es nicht. Was sich rechts tasten lässt, ist weder im Röntgenbild noch im Ultraschall zu sehen. Das reicht als Begründung, das zu Tastende nicht als Fremdkörper anzusehen und zu schneiden.

Nach 6 Wochen bin ich um die Erfahrung reicher, dass das KCMC ein gut ausgestattetes und teuer zu bezahlendes Krankenhaus ist, aber offensichtlich mehr am Verdienst und weniger an der Gesundheit der Kranken interessiert. Eine Erklärung für die Eiterei haben die Ärzte nicht. Einen Fremdkörper als Ursache ausschließen, wollen sie nicht. Frau Dr. Köhler versucht mir zu sagen, dass hier manches nicht lösbar ist, was lösbar wäre. Das Kind ist wieder zuhause- mit eiterndem Rücken.

ImpressumWebmaster – 2007-01-05