Christiane Eckert auf Mission in Afrika

Abenteuer Gesundheitswesen

Schon im Gottesdienst fällt mir auf: Einer der Täuflinge ist völlig apathisch und fieberheiß, merke ich dann. Der Vierjährige wird mir in der Boma erneut hin gehalten. Ich taufe ins Leben, nicht in den Tod.

Das Kind gehört zum Arzt, auch wenn die Mutter mehrfach beteuert, nicht zahlen zu können. Doch steigt sie gern ins Auto und läßt sich ins Diakoniezentrum bringen, wo die Ärztin dem Kind den Medikamententropf anlegt. Selbst da ist es zu schwach, sich zu wehren. Daniel Kumtei überlebt – und ich erfahre: Wer bringt, zahlt. Ich zahle gern, fürchte nun aber die nächsten Kranken.


Im staatlichen Krankenhaus ist nichts oder viel weniger zu zahlen, ergeben meine Erkundungen und ich beschließe, den nächsten Kranken dort hin zu bringen.

Thomas, der Evangelist von Mungere, lädt mich zu Hausbesuchen ein. An der Teerstraße winkt er zwei Maasai ins Auto, die im Vorort wieder aussteigen. Dann erfahre ich: Sie kommen aus Engaruka, einem 50 km entfernt in der Steppe gelegenen Ort. Des einen Kind ist nachts gestorben. An Malaria, die immer noch Todesursache Nr.1 hier ist. Sie sind zu spät ins Diakoniezentrum gekommen. Nun wollen sie zum Ortsteilbürgermeister, um einen Platz zum Bestatten des toten Kindes zu erbitten, das sie nicht im Bus nachhause mitnehmen wollen.

Als dann in Mungere nach meiner Meinung zu einem entkräfteten, mangelernährten und fiebernden Mädchen gefragt wird, ist für mich klar: Auf ins Krankenhaus, auch wenn wieder kein Vater da ist, der zahlt. Es kommt nicht dazu, dass wir aussteigen! Die Krankenschwester erklärt mir: Heute ist Sonnabend, Wochenende. Der schlecht bezahlte staatliche Arzt macht keine Überstunden sondern ist im ihm zustehenden Wochenendfrei. Wir sollen Montag wieder kommen. Ich beharre auf Medikamentengabe. Das Kind hat Fieber. Die Schwester kontert: Ohne Malariatest könne sie nicht wissen, ob das Kind nicht statt Malaria Tuberkulose hat. Vor Montag könne es höchstens ein Fiebermittel bekommen. Wenn ich auf Behandlung bestehe, muss ich ins Diakoniezentrum fahren. So weiß ich nun, wofür ich den höheren Preis bezahle.

Theresia zieht in mein Haus ein, und ich sehe den Kampf der Mutter, dem Kind Essen und Tabletten einzuflößen. Sonntagabend ist Theresia trotz oder wegen des Malariamedikamentes nicht mehr in der Lage, etwas bei sich zu behalten. Der Arzt stellt auf Spritzen um. Ihr Zustand bessert sich, aber so richtig gut will es nicht werden. Ohne abschließenden Test wird sie wie üblich in die Boma entlassen.

Drei Wochen später steht die Mutter wieder vor meiner Haustür. Der Malariarückfall ist unübersehbar und für den Arzt gibt es nun kein Zögern: Medikamententropf. Zum dritten mal zahlen. Aber seit dem ist die Kleine gesund und wieder in der Lage, richtig zu essen, und entwickelt sich gut.


Wann ist eine Taufe im Diakoniezentrum möglich, fragt mich Evangelist Wolter. Wir einigen uns auf Freitag. Zwei Mütter und drei Kinder werden von den Schwestern zusammengerufen, und mir stockt der Atem, als ich das älteste, ein Mädchen im Grundschulalter, mühsam Richtung Andachtsraum humpeln sehe: Keine Haut zwischen Zehen, Fingern und Lippen; Flecken rohen Fleisches im Gesicht und am ganzen Körper. Ich frage nach der Krankheit. Die Antwort schockiert: Folge von Hunger und Eiweißmangel.

Auch sie kommt aus Engaruka, einem Ort, der besonders unter der Dürre zu leiden hat. Die anderen kommen aus Selela. Die Haut der Vierjährigen ist intakt, aber verhungert sieht auch sie aus. Sie steckte sich beim Vater mit TBK an, erfahre ich später. Nur das Brustkind scheint gesund und satt zu sein. Ich taufe die drei und bete um Genesung der Mädchen, die in letzter Minute ins Diakoniezentrum gebracht wurden. Mein Taufgeschenk: Milchpulver, Zucker und Reis. Sie überleben.

Acht Wochen später präsentiert mir die eine Mutter die Rechnung für die Tuberkulosebehandlung. Sie hat Geld in Höhe des Wertes von 4 Ziegen oder einer fast ausgewachsenen Kuh zu zahlen. Die Familie mit 6 Kindern besitzt aber nur ein paar Ziegen. Die Kühe sind längst für die Behandlung des Vaters verkauft worden, dessen Krankheit trotzdem nicht aufgehalten werden konnte. Auch die älteren Söhne husten, und ich verkneife mir die Frage Erkältung oder TBK. Ich möchte der Familie gern helfen. Die eine Rechnung bezahle ich. Doch heißt zahlen wirklich helfen?

ImpressumWebmaster – 2007-01-05