verbringe ich nicht in Mto wa Mbu sondern in Loliondo und Wassow nahe der Grenze zu Kenia.
Vier Monate in der Sprachschule haben mich gelehrt, ruhig zu bleiben, wenn sich scheinbar nichts bewegt. Seit einem Monat bitte ich nun meine neuen Vorgesetzten um einen Termin für ein erstes Treffen- keine Antwort.
Immerhin kommt die Hilfe umgehend, die ich brauche, um den Landrover in Dar es Salaam abzuholen. Also sage ich kurzerhand in der letzten Woche Bescheid, dass ich Freitag Morogoro verlasse, das Wochenende bei der deutschen Volontärin in Arusha verbringe und am Montag im Bürohaus der Diözese vorstellig werde.
Samstag Nachmittag komme ich an, geniesse ein entspanntes Wochenende und plane erste diverse Einkäufe. Allerdings behält der Geldautomat am Sonntag meine Karte. Dafür erreicht mich nachts der Anruf des Dekans, dass ich am nächsten Morgen 9.00 Uhr bei ihm in Monduli sein soll.
Ich mache ihm klar, dass ich ohne Geld und Karte nicht tanken kann und wenigstens meine Steueranmeldung erledigen muss, ehe ich Arusha verlasse, und so vereinbaren wir ein kurzes Treffen 10.00 Uhr in der Diözese. Dann will er nach Loliondo weiter.
Ich spüre: Jetzt geht es los! Sara schüttelt nur den Kopf, als sie hört, dass ich ohne einzukaufen am nächsten Tag fahren werde- nach Loliondo, auch wenn ich noch nicht dorthin eingeladen bin- aber sie hilft. In der Nacht schreibe ich die wichtigsten Nachrichten, die sie mit dem noch zu kaufenden Memorystick für mich abschicken wird.
Am nächsten morgen gibt es keine Probleme in der Bank, die Karte zurück zu bekommen. Für die Steueranmeldung bringt mich ein Mitarbeiter der Diözese zur Kirchenleitung, und nach der Morgenandacht dort bin ich eingeführt und ist alles in einer dreiviertel Stunde erledigt.
Pünktlich stehe ich mit dem Auto zur vereinbarten Zeit vorm Büro, doch Dekan Nangole lässt sich nun Zeit. Ich werde nicht nur vom Bischof empfangen sondern gleich zweimal durchs ganze Haus geführt und den Mitarbeitern vorgestellt. Nangole schaut überrascht aber zufrieden drein, als ich ihm frage, ob ich nach Loliondo mitfahren darf.
Es ist nachmittags, als ich ihm nach Monduli folge, wo es zur Vesperzeit Mittagessen gibt. Der Dekan und eine Schülerin steigen dann zu mir ins Auto.
In Mto wa Mbu treffen wir Kollegen, die mit uns zur Evangelistenweiterbildung wollen. Ein paar Minuten Zeit, um meinen Koffer, Laptop und Autoersatzeile ins Haus zu bringen. Dann geht es weiter.
Es ist gefährlich, abends zu starten, bestätigt Nangole und stellt fest, dass wir dies nur können, weil wir „mit Wissen“ fahren. Nicht mit meinem, bin ich sicher, doch felsenfest entschlossen, mich gegen schlechte Wege und Müdigkeit zu behaupten.
Den Oldonyo Lengai, den „Berg Gottes“, einen aktiven Vulkan, erreichen wir im letzten Dämmerlicht. Die Straße ist ein Feldweg mit Sandstrecken, großen Löchern und Steinen und Graben- und Flussdurchfahrten. Trotzdem weiß ich: Das war der schnelle, einfache Teil der Reise.
Nangole kündigt eine „wirklich schlechte“ Strecke an und fragt, ob er fahren soll- zu spät. Ehe ich begreife, dass die „Strasse“ hier aufhört, bin ich bereits über das Ende hinausgefahren und bewege mich im kilometerlangen Vulkanaschenfeld in einer Wolke von Staub weiter, in dem Anhalten Steckenbleiben bedeutet.
Der Jeep schwimmt. Ich bleibe auf dem Gaspedal und versuche in Scheinwerferlicht und Dunst auf den spärlichen vertrockneten Grasbüscheln zu bleiben und hoffe, in keinem Loch zu landen. Am Ende kann ich es doch nicht verhindern, in den ersten Gang schalten zu müssen.
Aber ich stehe rechtzeitig, bevor die Räder durchdrehen und sich einwühlen, und wunderbarerweise geht es im Schneckentempo weiter- und da war er endlich wieder, der festere Grund. Nangole neben mir schweigt, und ich weiß, das war nun der Anfang der wirklich schlechten Strecke.
Aber es ist der Krankenhausjeep, der bei der nächsten Flussdurchfahrt im Sand stecken bleibt, und die Männer -verstärkt durch zwei Maasaikrieger mit großer Schüssel zum Wasserschleppen- kämpfen sich Meter für Meter zurück: Räder freischaufeln, Sand mit Wasser zusammenpappen, anschieben bis zum nächsten Versinken ...
Endlich bin ich mit meinem Fahrzeug in der Lage, ihn die letzten Meter frei zu schleppen. Dann geht es den Grabenbruch hinauf: 26 Spitzkehren, 17 davon gefährlich, werde ich aufgeklärt und bin froh, dass es stockfinster ist und ich den Abgrund nicht sehe, von dem mich keine Begrenzung trennt.
Es folgen Sandstrecken mit ausgespülten Wegrändern, Geröllhänge, Gräben... - zweimal drifte ich im Staub von der Straße und bin vom Fahrzeug begeistert, das ich beide Male halten und auf den Weg zurückbringen kann.
Mitternacht erreichen wir Loliondo: Test bestanden. Ich habe mir die Achtung der Männer erworben, und drei Tage später auf der Rückreise gibt es keine Probleme mehr. Ich habe gelernt, vorausschauend zu fahren. Alle sind zufrieden mit mir.
Nicht weniger abenteuerlich sind für mich die Begegnungen mit den Menschen. Swahili habe ich versucht zu lernen, Kimaasai höre ich nun am häufigsten.
Aber es wird auf mich Rücksicht genommen, immer wieder aufgefordert, Swahili zu sprechen. Es geht um Freiheit, Liebe und Aids. Die traditionelle Maasaikultur kennt keinen eigentlichen Ehebruch, sondern Liebesbeziehungen und Versorgungsbeziehungen.
Junge Leute können sich ihren Partner frei in gegenseitigem Einvernehmen wählen. Mädchen und Frauen aber haben kein Recht, sich einem Gast zu verweigern, wenn der Hausherr ihn eingeladen hat.
Geheiratet wird in der Regel nicht der Geliebte sondern der, der die Frau und ihre Kinder am besten versorgen kann, auch wenn dieser bereits mehrere Frauen hat und der Vater des Mädchens sein könnte.
Kein Wunder, dass sich Aids unter diesen Umständen besonders schnell ausbreitet. Mir stockt der Atem, als der Arzt 60% an die Tafel schreibt, auch wenn mir die Bezugsgröße entgeht. Nicht 60% der gesamten Dorfbevölkerung, hoffe ich, aber selbst wenn nur 60% aller getesteten Personen, 60% aller Schwangeren HIV positiv sind, lässt sich ahnen, welches Elend trotzt neuer Medikamente in wenigen Jahren in diesen Dörfern herrschen wird.
„Du sollst nicht ehebrechen“ bekommt auf diesem Hintergrund ein anderes Gewicht: Ein Mann und eine Frau- der dritte im Bund wird den Tod bringen. Das Schweigen im Raum lässt sich nicht beschreiben, das einsetzt, als der Arzt die Behauptung zurück weist, dass Evangelisten nicht von Aids betroffen sein werden!
Erste Einblicke bekomme ich in Mto wa Mbu. Ich habe mein Zimmer noch nicht fertig gescheuert und eingeräumt, als ich zu einer Beerdigung gerufen werde. Die Frau und Mutter von vier Kindern wurde nur 34 Jahre alt und starb am „Bauchfieber“.
Nach dem Sonntagsgottesdienst draußen in der Steppe ziehen wir von Boma zu Boma, den Hütten aus Zweigen, Erde und Mist, um für Kranke zu beten.
Zuletzt sind wir bei einer blutjungen Mutter, die apatisch am Boden hockt. Von einem bösen Geist besessen? Ich wage es anzuzweifeln: Wahrscheinlich krank. Aber ich bin nicht kompetent, eine Diagnose zu stellen. Ihr gerade 4 Wochen altes Baby wird von der Großmutter gehalten.
In der Woche geht es weiter zu Menschen der Gemeinde. „Evangelisation von Haus zu Haus“, nennt sich die Aktion, bei der wir Pfarrer mit dem Kirchenältesten und Evangelisten des Bezirkes jedes Gemeindeglied zu hause besuchen, nach Problemen fragen, eine kurze Andacht und Fürbitte halten. Der Blick hinter die Kulissen offenbart fast überall Armut, Leid durch Krankheit, Einblick in persönliche Not.
Da ist das schöne Haus, gut ausgestattet. Im Hof plätschert Wasser. Doch die Hausfrau, vom Islam zur Kirche gewechselt, ist freudlos.
Als ich sitze, sehe ich 2 Schnapsflaschen zwischen den Gläsern des Büffets- nur ein Grund ihres Kummers. Sie lebt im Haus des Vaters ihrer vier Kinder, aber er heiratet sie nicht. Dafür kennt sie 2 weitere Frauen, mit denen sie ihn zu teilen hat, die von ihm ebenfalls ein Kind haben.
Im nächsten Haus wohnt ein alter Mann, den seine Frau, Alkoholikerin, vor 6 Jahren verlassen hat. Nun möchte er eine andere heiraten und bittet um die Taufe für ihr gemeinsames Kind- für den Staat kein Problem, da ein Mann legal mehrere Frauen haben kann. In der Kirche dagegen ist das nicht möglich. In den meisten Fällen aber sind es die Männer, die verschwinden und Frau und Kinder im Stich lassen...
In der Diakoniestation begegne ich Schwerkranken. Die erste ist eine Aidspatientin, 42 Jahre alt, pflegebedürftig, doch ihre Familie weigert sich, sie nach hause zu nehmen. Im anderen Zimmer fällt ein Maasai-Mädchen mit traditionell gekleideten Eltern (so denke ich) ins Auge: Lungentuberkulose, erklärt mir der Arzt und lädt mich zum Ultraschall ein, zeigt, dass eine Lungenseite voller Wasser ist.
Aufgabe des Vaters ist es, auf alle in der Familie acht zu geben. Also fordert der Arzt ihn auf, dafür zu sorgen, dass die Medikamente täglich genommen werden.
Da beginnt es unter dem Tuch der alten Frau zu wimmern und ich begreife: Das Mädchen ist bereits Mutter und mit ihrem Baby hier! Der Vater ist nicht ihr Vater sondern der des Säuglings, die ältere Frau Hauptfrau? Wenn ich nur besser sprechen und verstehen könnte.
Am 2. Advent feiert die Gemeinde für uns neue Pfarrer und den am Wochenende vorher graduierten Verwaltungsmitarbeiter ein Begrüßungsfest: Zwei Gottesdienste und am Nachmittag ein großes Essen in meinem Garten.
Es ist fast wie bei einer Hochzeit. Uns wird „Keki“ serviert: Eine ganze gegrillte Ziege mit Hörnern und Hufen- nur das Fell fehlt. Dann geben wir zwei Pfarrer symbolisch allen Evangelisten und Kirchältesten einen Bissen Fleisch zu essen. Wir antworten damit auf die Liebesgabe der Gemeinde mit der Verpflichtung, für sie zu sorgen, zuallererst in ihren Verantwortungsträgern.
Als alle Gäste gegangen sind, bittet mich mein Kollege, mit ihm und zwei Evangelisten zu einem Sterbenden zu fahren um mit ihm Abendmahl zu feiern. Auch hier begann der Leidensweg mit Aids. Knochentuberkulose zwingt nun den Mann ins Bett und bereitet ihm unerträgliche Schmerzen.
Ich bete und hoffe, dass dieses Mahl ihm zum Mahl des Lebens wird. Zum Ausklang des Tages erlebe ich in den Häusern der Evangelisten eine ländliche Idylle: Zwei neugeborene Zicklein, Kuh und Kälbchen. Und auch hier werde ich um Fürbitte für Familie, Haus und Hof gebeten.
Am nächsten Tag prasselt ein tropischer Gewitterguss vom Himmel, neues Grün, neues Leben verheißend. Ich bete, dass meine Arbeit hier gleich dem Regen Frucht bringen möge.