Meine Mutter liebt modische Kleidung und passendes Schuhwerk. Mit sicherem Blick und Griff fischt sie aus Bergen von Massenware das besondere Stück oder Paar. Es ist nun schon über 10 Jahre her, dass sie auf der Jagd nach festsitzenden Sandalen auf ein schwarzes Paar leichter Sommerschuhe mit geflochtenem Oberleder stieß und sie freudestrahlend nach hause trug.
Bei einem Ihrer Besuche blieben sie dann bei mir stehen. Das war ungewöhnlich, auch wenn ich üblicherweise die Kleidung der Familie „auftrage“, denn meine Füße sind ein bis zwei Nummern kleiner.
Als ich meinen Haushalt auflöste, um nach Afrika zu gehen, fielen sie mir wieder in die Hände: Für den Kleidercontainer nicht mehr gut genug, zum Wegwerfen zu schade, fand ich.
Ich liebe es, ein Stück Familie an mir zu tragen. Warum nicht mitnehmen? So wanderten sie neben einem funkelnagelneuen selbst gekauftem Paar in den Koffer und erwiesen sich in Morogoro, der Sprachschule in Tansania, als die bessere Fußbekleidung- trotz ihrer Größe.
Zur Bergwanderung wollte ich sie dann doch nicht anziehen, denn die Uluguruberge sind steil, und wo Quellen die Hänge feuchten, gefährlich glatt.
Maggi, eine ältere doch sportliche Amerikanerin, hatte für Wanderlustige des Sprachkurses eine Tour zur Morningsite organisiert, einem von Deutschen 1911 fast auf dem Kamm des Gebirges errichteten Haus.
Viele waren es nicht, die am Samstag morgen aufbrachen: Neben zwei unserer tansanischen Sprachlehrer und der Organisatorin ein Amerikaner mit siebenjährigem Sohn, meine südafrikanische Nachbarin, alle mit ordentlicher Wanderausrüstung, ich mit meinen „guten“ Schuhen und ein Mädchen von den Philippinen mit Badelatschen.
Das konnte ich nicht mit ansehen. Ihre Füße hatten etwa meine Größe, und schnell holte ich Mutters Slipper, während das Mädchen mein neue Paar samt Socken anzog- dann wieder auszog und in den Rucksack steckte. Zu ungewohnt! Die ausgetretenen, die ich an hatte, wollte sie nicht probieren.
So brachen wir auf: Mit dem Taxi zum Stadtrand und anfangs auf brauchbarer Fahrstraße bergaufwärts. Die Sicht ins Tal entschädigte für die die Mühen, und ich kostete ein erstes Hochgefühl aus, als ich zwei nur Tage alte abgestürzte und laut um Hilfe piepsende Kücken einfing und sie die steile Stiege empor zur Besitzerin brachte, die mich mit einem strahlendem Lächeln empfing und die Verlorengegangenen in Empfang nahm.
Bei einer kurzen Rast wenig später schloss eine Mädchenklasse auf. Eigentlich hätte ich Swahili sprechen üben sollen, da der Schulunterricht aber ab Sekundarstufe in Englisch erfolgt, war es einfacher, sich in dieser Sprache zu verständigen.
Ein Bauer winkte uns durch sein Feld einen steilen Hang empor, und nach dem wir seinen Hof durchquert hatten, ging es nun einen kleinen Flusslauf entlang bergauf.
Erstaunlich, dass so steile Hänge bis zum Kamm hinauf bearbeitet werden. Aber das vorhandene Wasser entscheidet und belohnt alle Mühen reichlich: Die Bananenstauden stehen in vollem Saft, zwischen Feldern mit großen Weißkohlköpfen finden sich Beete mit Blumen.
Wir folgten nun einem kaum sichtbaren Pfad entlang der Felder, manchmal auch mitten durch die Bananenstauden, oft sehr steil, und es ist für mich ein Rätsel, Frauen denselben Weg nehmen zu sehen: Barfuss, ein Kind auf dem Rücken, ein dickes Bündel mit mehr als 3 m langen Holzstangen auf dem Kopf, die Hacke in der Hand... Da wagte keiner zu sagen: Ich kann nicht mehr.
Endlich wurde das Haus am Berg erreicht und Mittagspause gehalten. Die Schulklasse zog weiter den Berg hinauf, während wir an der anderen Bergseite entlang eines anderen Bächleins den Heimweg antraten.
Faszinierend bunte Grashüpfer verschiedener Farbe und Größe verlockten zum Halten, als Maggi einen Überraschungslaut ausstieß: Von einem ihrer tollen Wanderschuhe fiel die Sohle ab... Nun endlich war klar, warum wir ein Ersatzschuhpaar mit haben sollten. „Zu klein“, barmte Maggi- aber nicht für mich!
So verborgte ich einen von Mutters „großen“ und zog wie ursprünglich geplant die eigenen Halbschuhe an. Eine Stunde später war dann der Standrand wieder erreicht, wo uns das gekaufte Wasser im Mund verdampfte und Maggi stolz Schuhe und geschundene Füße präsentierte.
Als ich das meiner Mutter erzählte, schrieb sie prompt zurück: Dein Bericht von der Bergbesteigung hat mich echt amüsiert. Allerdings weiß ich nicht, von was für Schuhen Du sprichst. ("Deine löchrigen Schuhe...") Wann gab ich Dir löchrige Schuhe?