Für mich Ostdeutsche ist die Möglichkeit, als Pastorin im Norden Tansanias nahe dem Ngorongorokrater und der Serengeti arbeiten zu dürfen, ein großes Geschenk. Dort leben fast ausschließlich Maasai.
Doch der erste, der mir nach meiner Ankunft in Afrika begegnete, war einer unserer jungen Sprachlehrer im Schulzentrum Morogoro westlich von Dar es Salaam. Ihre Aufgabe ist, uns zu zweit oder zu dritt in Kiswahili, der offiziellen Landessprache, zu „drillen“, Vokabeln und Grammatik einzuüben und unsere Aussprache zu verbessern.
Als wir die vorgeschriebenen Aufgaben vorzeitig beendeten, nutzte ich die Gelegenheit, ihn auszufragen- in völlig unafrikanischen Stil.- „Du bist kein richtiger Maasai“, platzte ich heraus, denn er trug weder die traditionelle Kleidung, noch waren seine Ohrläppchen in typischer Weise gelocht und gedehnt. In seinem Alter hätte ich lange Rasterzöpfe erwartet, nicht den geschorenen Kopf des verheirateten Mannes.
Ich sah, dass er sich zurücklehnte, um den Abstand zu vergrößern, aber ausreißen konnte er nicht. Es war noch Unterrichtszeit.
Die Antwort kam trotzdem lächelnd: Ich bin echter Maasai. Mein Vater hat drei Frauen geheiratet und wir Kinder halten alle als Geschwister zusammen. Der Vater ist inzwischen tot und von ihnen begraben worden (anders als in der Savanne, wo traditionell Raubtiere die „Bestattung„ besorgen)... Er sei natürlich beschnitten wie die Mütter und Schwestern auch...
Ich vermute, dass Kokeli beim Ertönen der Pausenglocke froh war, uns zu entkommen. Ich bat ihn, mir ein Maasai-Sprachlehrbuch mitzubringen. Er gab mir seine Bibel.
Als ich eine persönliche Widmung wünschte, musste er nicht lange überlegen, um mir Ntagolo iltung`ana laainei (Jes.40,1a) hineinzuschreiben. „Tröstet, tröstet mein Volk“, steht an entsprechender Stelle im Deutschen Alten Testament, und ich war stolz, einen ersten Satz in Ma zu wissen- um nur wenig später über Bibelversvergleich zu merken, dass ntagolo nicht trösten heißen kann!
Mich packte das Entdeckerfieber, und nach einer Nacht Worte vergleichen war ich sicher, dass Kokeli mir mit diesem Vers „Stärke mein Volk“ ans Herz gelegt hat.
Die Bitte des „Kriegers“ an eine alte Frau kam doch etwas überraschend für mich. Sie lässt mich ahnen, dass der Existenzkampf des stolzen freien Volkes sich zuspitzt.
Kokeli ist einer der glücklichen, die in diesem Jahr einen Freiplatz an der Universität in Daressalam erhielten. Von dort kam dann die Anfrage: Könntest Du mich unterstützen?
Doch Kokeli mag selbst von seinem Leben und Problemen erzählen:
Ich bin ein junger Tansanier, 25 Jahre alt, gehöre zum Volk der Maasai und wurde 1980 als 3.Kind/Sohn geboren, meine älteren Brüder 1974 und 1976. Mein Vater hielt Rinder, Ziegen und Schafe und hatte drei Frauen, mit meiner Mutter sechs Kinder (Söhne und 2 Töchter), mit einer der Mitfrauen weitere 2 Söhne.
Von 1991 bis 1997 besuchte ich in meinem Heimatdorf die Grundschule und wurde ausgesucht für die Mvomero Secondary School in Morogoro- nicht weit weg von zuhause. Nach dem Erreichen des Grundabschlusses wurde ich erneut ausgewählt für die Advanced Secundary School (Lindi High School), aber ich ging ins Lutheran Junior Seminary Morogoro und wurde dort im Mai 2004 graduiert. Die ganze Sekundarschulzeit über (1998-2004) wurde ich vom amerikanischen Missionar Hafermann gesponsert, der in der Luth. Kirche in der Morogoro Diözese in dem Ort arbeitet, aus dem ich komme. Meine Eltern konnten mich nicht zur Sekundarschule schicken, weil 1980 durch Seuchen die Mehrzahl des Großviehs landesweit verloren ging. 1998, als ich die Sekundarschule begann, hatte unsere große Familie nur 5 Rinder. Das war - und IST noch- eine kritische ökonomische Krise. Glücklicherweise fand ich einen Sponsor, wie ich bereits erwähnte.
Am 18.3.2002 starb mein Vater und hinterließ 3 Witwen und 8 Kinder. Meine Mutter und die beiden anderen Frauen leben nun in verschiedenen Orten und ernähren sich von kleinen Aktivitäten in den Dörfern einschließlich des Haltens einiger Kühe. Im Juli 2004 bekam ich die Möglichkeit, an der Sprachschule des Lutheran Junior Seminary Morogoro Swahili zu lehren. In dieser Zeit kämpfte ich auch um einen Universitätsplatz in Dar es Salaam, der ältesten und größten Universität in Tanzania. Wie auch immer, als ich 2005 für die Universität ausgewählt wurde, wechselte die Regierung vom Vergeben von Freiplätzen zum Kosten teilenden System. In diesem System erhalte ich einen jährlichen Kredit von 750,000 Tshs für Studiengebühren und Institutionskosten. Als ich als Swahililehrer arbeitete, hatte ich Verpflichtungen meiner Familie gegenüber, so dass ich nicht mehr als 100,000 Tshs sparen konnte. Aber das ist nichts im Vergleich zu den Kosten, für die ich in Dar es Saalam aufzukommen habe:
- Essen täglich 2500 Tshs, im Jahr 630,000 Tshs
- Unterkunft tägl. 500 Tshs, für ein Studienjahr (36 Wo.)126,000 Tshs
- Bücherkosten 200,000 Tshs
- für Papier, Kopien... 100,000 Tshs
- Gesundheitsversicherung 100,000 Tshs
- Praktikumskosten an jedem Jahresende 350,000 Tshs
Jährlich 1,506,000 Tshs, für drei Jahre 4,518,000 Tshs.
Ich studiere Archäologie, und kann das erste Diplom nach drei Jahren erwerben. Ich verfolge mit diesem Studium das Ziel, die Vergangenheit meines Volkes und der Welt kennen zu lernen und mich einzusetzen für eine harmonische Welt in Frieden und besserem gegenseitigen Verstehen von Traditionen und Kulturen. Dafür bitte ich um Unterstützung, und es ist wert, erwähnt zu werden, dass ich der erste meiner Familie an einer Universität bin.
Es ist hart für einen stolzen Menschen, um Hilfe zu bitten- und ich bin sicher, Kokeli darf mit Recht stolz auf Geleistetes sein. Ich kann mir nicht vorstellen, was das heißt: Hungrig schlafen gehen, den Vater verlieren, 70,000 Tshs monatlich als Lehrer zu bekommen, damit die Familie zu unterstützen, aber 200,000 Tshs monatlich für´s eigene Studium zu benötigen- und jeder der großen Familie ist in einer ähnlichen Situation. Ob Kokeli das Studium schafft?
Im Studentenheim: 2 Betten für 4 Studenten- 500 Tshs täglich