Christiane Eckert auf Mission in Afrika

Sprachschule Morogoro

Der schwarze Kontinent ist nicht schwarz sondern rot, ist mein erster Eindruck auf der Fahrt nach Morogoro und in der Sprachschule am Fuße der Uluguruberge. Die Bäume werfen vor Trockenheit ihre Blätter ab. Der Wind weht den feinen roten Staub durch Lamellenfenster und alle Ritzen. Ob Hauswand, Baumstamm oder Beine: Alles ist rostbraun. Inmitten der Dürre leben wir am Fuße der Berge dank einiger Quellen in einer grünen Oase.

Wir Schüler sind wie eine große Familie, Nachbarn aus aller Welt. Schwester Eliza, eine indische Nonne, lädt uns in ihr Zimmerchen ein, bevor sie als erste die Schule verlässt, um uns mit einem traditionellen Segenstanz zu verabschieden.

Ich filme Tanz und Gäste: Eijaritta, die finnische Sozialwissenschaftlerin; Maggi, amerikanische Wirtschaftsfachfrau; Julia, deutsche Volontärin; die Gastgeberin, die in Kenia arbeiten wird; Charnell aus Südafrika und Kim me Suk aus Korea.

Das sind bei weitem nicht alle Nationen: Amerikaner, Dänen, ein Kanadier, Italiener, Schweizer... Dabei sind wir keine 30 Schüler. Englisch ist zwangsläufig Umgangssprache und am Ende allen so geläufig, dass wir Swahili nicht sprechen lernen.

Täglich mehr als 20 neue Vokabeln, täglich neue Grammatikregeln werden eingedrillt- so wird die Art Lernen offiziell bezeichnet, bei der Stundenlang mechanisch Worte wiederholt und grammatisch korrekt verbunden werden.

Ich liebe das Puzzlespiel mit Präfixen, Suffixen und "Infixen" und entwickle eine erstaunliche Fähigkeit, intuitiv richtig zu kombinieren, denn es wird vorausgesetzt, dass die 130 neuen Worte wöchentlich vom einmal Hören hängen bleiben.

Ganz selten erreiche ich, dass beim Drill jedes Wort übersetzt wird und ich so Vokabeln nicht nur wiederhole sondern auch weiß, was ich sage. Es bleibt mir ein Rätsel, weshalb die Lehrer glauben, jemand versteht, was er spricht, wenn er etwas richtig nachplappert.

Viele der Schüler sind frustriert- ich aber so fasziniert von meiner neuen Umwelt, dass kein Ärger meine Freude trüben kann. So viele bunt schillernde, braune, schwarze, weiße, gelbe, kleine und große exotischen Vögel. In jedem der Strohdächer ist ein Spatzenpärchen zuhause. Gekkos aller Größen und Farben, Schmetterlinge, riesige Insekten, schöne Blüten... ich komme aus dem Staunen nicht heraus.

Nach 3 Wochen weiß ich die kleinen Betontäfelchen richtig zu deuten, die ich versteckt im Gebüsch entdecke: Gräber! Später sehe ich sie überall.

Ich liebe den Blick auf die Berge, an deren Spitze oft Wolken hängen, und die tage- und nächtelang brennen. Der ortsansässige Stamm jagt so, bekämpft auf diesem Weg Ungeziefer und bittet Gott um Regen, werde ich aufgeklärt- und zerstört gleichzeitig die Vegetation. Asche und Boden werden vom Wasser ins Tal gespült, wenn Bäume, Sträucher und Gras sie nicht festhalten. Aber es regnet nicht.

Die Stadt Morogoro gehört nicht zu meinen Lieblingsplätzen, aber Dalla-Dalla fahren macht mir vom ersten Mal an Freude: Hautnah mit Tanzaniern, small talk in Swahili, ab und zu bekomme ich Kinder auf meinen Schoß- das gefällt mir.

In der Regel quetschen sich über 20 Personen in diesen Kleinbus, in dem in Deutschland höchstens 9 Personen transportiert werden dürften.

Allerdings ist es nicht ungefährlich, so zu reisen. An einem Morgen kommt es in der Schuleinfahrt zum Zusammenstoß von Dalla-Dalla und Taxi, bei dem 2 Lehrer verletzt und das große gemauerte Schild zerstört werden. Einen Monat später stirbt ein LKW-Fahrer an derselben Stelle, von einem anderen von der Straße gedrängt, der ungeachtet des Gegenverkehrs überholte und das nur schwer verletzt überlebt. Gott sei Dank war unser Wachmann nicht in seiner Schutzhütte, die bei diesem Unfall einfach platt geschoben wurde.

Die Unfälle sind nicht der Grund, dass es mich in die Kirche zieht. Von Anfang an lasse ich keinen Gottesdienst aus: Hör- und Leseübung, Vorbereitung auf meine Arbeit.

Es ist nie langweilig, auch wenn ich in den ersten Wochen nichts verstehe. 6 Chöre der Schüler der Sekundarschule, Gemeindechor, Frauentrio, Frauenchor und Chor der Leadershipschule sorgen für die musikalische Ausgestaltung.

Die Schulchöre benutzen eine Trommel als Begleitung, und tanzenden Hände entlocken ihr eine unerwartete Klangfülle. Ich kann nicht genug hören und sehen von dieser Musik und Art zu Singen.

Schnell ist mein Gesicht bekannt und der Ortspfarrer fragt mich nach meinen Gaben. Helfen beim Abendmahl austeilen: Warum nicht? Einüben eines Liedes mit dem Frauenchor: Kein Problem. So kommt es, dass ich selbst Chorsängerin werde und an einem Wettbewerb teilnehme.

Auch ungenutzte Blasinstrumente gibt es, und nachdem ich mehrfach darum gebeten hatte, bekomme ich wirklich die Trompete der letzten deutschen Volontärin und ein Posaunenchoralbuch ausgeliehen. Mit einem hervorragend 1.Stimme blasenden Schüler begleiten wir den Gemeindegesang des englischen Wochengottesdienst.

Ich versuche, eine Bläsergruppe zusammenzubekommen. Zwei Lehrer zeigen sich interessiert und mehr Schüler, als Instrumente da sind. Doch die Zeit ist nun schon zu kurz. Der Bläser verspricht, die Arbeit fort zu führen- ob ihm das gelingt?

Meine ostdeutsche Vergangenheit trägt hier Früchte. Irgendwie ging es immer- und hier geht es auch immer irgendwie. Kabel und Stecker des Polyluxes haben einen Wackelkontakt. Hilfsbereit packt ein Amerikaner zu, dass Strom fließen kann- aber ein Stuhl leistet dieselbe Hilfe.

Wasserhähne arbeiten fasst nie, wie sie sollen. Kein Grund zur Panik: Geduldig immer wieder auf- und zuschrauben oder -drehen: Mal klappt es. Kein warmes Wasser? Aus dem roten Hahn kommt nur kaltes. Also muss blau Warmwasser sein. Richtig!

Ich sehe die Schüler die Stangen für Korbball und die Fußballtore streichen. Es juckt mir in den Händen: Könnten wir nicht Netze knüpfen? Ich frage den Hausmeister, der sofort bereit ist, Material zu besorgen. Erst einmal 30 m für zwei Basketballnetze, an denen ich das Knüpfen übe.

Dann überlegen, rechnen und probieren wir. Ein Kilometer Seil sollte für ein Tor reichen. Einen halben Tag schneiden wir die Stücke zu. Am nächsten Tag sind sie nach 14 Stunden verknüpft. Das große Netzteil ist mit vereinten Kräften an einem Tag geschafft! Unglaublich. Aber für die Seiten reicht das Material nicht mehr.

Es dauert 5 Wochen, ehe genügend gleichfarbige Leinen zusammengekauft werden können. Kurz vor Sprachkursende sind beide Tore fertig und funktionieren. Die Freude der Schüler entschädigt reichlich alle Mühe.

Ich fahre mit Missionar Hafermann und Missionar Martin zu Gottesdiensten in Maasaidörfer, um mehr vom Leben hier zu erfahren. Einiges sehe und höre ich, aber soviel ich mit den Menschen zusammen bin: Was sie wirklich bewegt, was sie denken, bleibt mir verborgen.

Not beschert mir einen Kontakt, der mir den Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Einer meiner Lehrer geht im September zum Studium an die Universität Daressalam, und es entwickelt sich zwischen uns eine rege Korrespondenz.

Er ist der einzige, der nicht ausweicht, wenn ich unbequeme Fragen habe oder angenommen wird, dass mir die Antwort nicht gefällt. Seine Briefe geben mir genügend Stoff für die Morgenandachten, und sind ganz sicher ein Grund dafür, dass ich die Prüfung so gut bestehe. Vier Monate sind genug. Es ist Zeit, an die Arbeit zu gehen.

ImpressumWebmaster – 2006-02-20