27. März 2006
Nach fast einem Jahr Umherziehens (Missionshaus Leipzig, Sprachschule Birmingham/England und Morogoro/Tanzania) erreichte ich im November 2005 endlich meine neue Heimat auf Zeit: Mto wa Mbu, ein kleines Städtchen am ostafrikanischen Grabenbruch.
Eine paradiesähnliche Oase im weithin staubtrockenem Umland, gesegnet durch drei kleine Flüßchen, die tropische Landwirtschaft in ihrem Überfluß ermöglichen. Die neue Teerstraße zum Ngorongorokrater und der Serengeti hat den Ort unübersehbar zum Touristenzentrum verändert.
Voller neuer Eindrücke und Erlebnisse versuchte ich Anfang des neuen Jahres erste Geschichten und Bilder der Familie, Freunden und Bekannten als verspätetes Weihnachtsgeschenk zu schicken. Die Antwort meines Bruders überraschte mich:
„Unter http://afrika.song-vision.de/ kann alle Welt ab sofort Deine Texte und Deine Bilder einsehen. Ich für meinen Teil habe mich redlich bemüht herauszubekommen, was genau in Afrika Deine Aufgabe ist. Weder auf der Internetseite Deines Arbeitgebers noch in den spärlichen Notizen Deines Vorgängers läßt sich erkennen, mit welchen Aufgaben und vor welchem Hintergrund sich Dein Leben derzeit abspielt. Dieses zu erklären wäre meine Bitte an Dich, damit die Internetnutzer auch verstehen, worin sich der Unterschied zwischen Deinem Leben und einem adventure-travel-trip festmacht.“
Das Leipziger Missionswerk entsandte mich als Missionarin in die Evangelisch Lutherische Kirche in Tansania in den Distrikt Nord Maasai. In Mto wa Mbu arbeite ich als ganz normale Pastorin in einer wachsenden Gemeinde.
Auf den ersten Blick nichts besonderes also. Das habe ich als bekannt vorausgesetzt.
Beim näher Hinschauen entdecke ich doch Bemerkenswertes. In der Männer dominierten Maasaigesellschaft ist eine Frau als Pastorin ungewöhnlich.
Die Kirchenleitung führte fürsorglich einen Monat vor meiner Ankunft einen tansanischen Kollegen in Mto wa Mbu ein. Ich sollte nicht allein mit der Arbeit beginnen müssen.
Es ist für mich ein gutes Zeichen, dass er schon nach 4 Monaten wieder wegberufen wurde und dass ich in einem meiner Gemeindeteile vor 3 Wochen den Würdestab eines Ältesten überreicht bekam mit den Worten:
„Du bist nicht Frau Pastor, sondern unser Pastor. Als Zeichen deiner Aufgabe bekommst Du von uns den Stab, den keine Frau tragen darf. Du bist für uns Pastor, nicht Frau.“
Bleibt für mich nur noch zu beweisen, dass ein Pastor auch eine Pastorin also Frau sein kann.
Allerdings rechtfertigte die Gemeindegröße den Einsatz zweier Pastoren. 7 meiner Kirchen befinden sich in einer Entfernung bis 20 km. Weitere 8 liegen zwischen mehr als 30 bis fast 70 km entfernt. Dazu erwartet das Diakoniezentrum vor Ort Morgenandacht, Krankengebet und immer mal einen Sondergottesdienst, wie auch die Schulen den Pfarrer zu Abendmahlsfeiern und Taufen einladen.
Allein ist das nicht zu schaffen. 14 Evangelisten arbeiten in den 15 Orten. Sie kennen die Menschen ihres Gemeindebereichs, in dem sie die Gottesdienste leiten und predigen, Kinder und Erwachsene unterrichten, mit Kranken beten und versuchen, in Notfällen zu helfen. Auch Beerdigen zählt zu ihren Aufgaben.
Was bleibt da für den Pastor zu tun? Er hat sie dabei anzuleiten und zu begleiten.
„Zu predigen und Gottes Wort zu lehren wie die Sakramente (Taufe und Heiliges Abendmahl) zu verwalten. Er/Sie hat auch christliche Ehen zu schließen, wenn er/sie die Lizenz vom Standesamt dazu bekommen hat.“ ist der erste von 11 Paragraphen meiner Arbeitsbeschreibung, die dann alle üblichen Leitungs- und Verwaltungstätigkeiten aufzählt.
Das möchte ich mir an dieser Stelle sparen und lieber Bilder sprechen lassen. Die Menschen meiner Gemeinden erwarten von dem weißen Gesicht mit dem Auto allerdings ebenso ganz praktische Hilfe und äußern ihre Bitten ungehemmt.
Eigentlich lag ich vor 3 Stunden schon im Bett, als mich mein Wachmann aus dem ersten Schlaf riß. „Ein schwangeres Mädchen muß dringend ins Krankenhaus.“, eröffnet mir mein schwarzer Kollege im Ruhestand. „Ruft doch ein Taxi!“, will ich aufbegehren, und verschlucke meinen Protest: Gibt es hier nicht.
Und wenn: Den Weg zum Haus hätte es nicht geschafft, da ich nur Dank des Allradantriebs aus den Schlammlöchern heraus komme. So klettern 5 Frauen in mein Auto, das noch mit 500 kg Lebensmitteln des „World-Food-Programm“ beladen ist, die ich wegen des mit der Dunkelheit einsetzenden Regens nicht mehr Aidskranken Gemeindegliedern in weglosem Gelände bringen konnte.
Würde ich die nicht fahren, dann hätte der Evangelist mehr als eine Tonne Hilfsgüter mit dem Fahrrad zu bewegen... Nun geht es auf 3.00 Uhr morgens und ich kein bisschen müde. Mein Bruder wird sich freuen, endlich Antwort zu bekommen...
Christiane Eckert